• Tageskarte Nr.830 vom 30 Aug 2013

    Tageskarte Nr.830

    Unser neuer Kühlschrank hat eine HOLIDAY-TASTE. Die Holiday-Taste dient zum Ein- und Abschalten des Urlaubs-Modus (siehe Kapitel Urlaubs-Modus). Kapitel Urlaubs-Modus: Beim Betätigen der Holiday-Taste wird die Kühltemperatur automatisch auf +14 Grad umgestellt. Es sollten keine Lebensmittel mehr im Kühlraum gelagert werden. Ich bin auch noch drin. Im Urlaubs-Modus mein ich. Ich habe meine Temperatur heruntergefahren auf Körperwärme und mein Denkraum ist vorübergehend geleert. Restzeit: 12 Tage.

    Our new fridge has a Holiday Button. the Holiday Button is for turning the vacation mood on and off (see chapter Vacation Mood). Chapter Vacation Mood: When you push the Holiday Button the cooling temperature is automatically switched to +14 degrees. There shouldn't be any food left in the fridge. I'm still in there. I mean, in the vacation mood. I turned my temperature down to body temperature and my thinking capacity is temporarily emptied. Remaining time: 12 days.

  • Tageskarte Nr.829 vom 26 Aug 2013

    Tageskarte Nr.829

    Weil ich seit ich 40 Jahre alt bin, das, was real existiert, nicht mehr so ernst nehme wie als ich noch 39 war, backe ich mir zu meinem 41.Geburtstag mit einem Rezept ohne Buchstaben einen Abstraktionskuchen.

    Since I turned 40 and no longer take what really exists as seriously as I did when I was still 39, I'm gonna bake myself an abstraction-cake for my 41st birthday from a recipe without letters.

  • Tageskarte Nr.802 vom 14.Mai 2013 vom 13 Aug 2013

    Tageskarte Nr.802 vom 14.Mai 2013

    Ich bin auch all die anderen.

    I'm all the others too.

  • Tageskarte Nr.828 vom 12 Aug 2013

    Tageskarte Nr.828

    Im Moment haben wir zwei Kühlschränke. Der größere von beiden steht direkt neben der Küchentür. Er ist so groß, weil man auf dem Land ein Mega-Gefrierfach braucht für die geernteten Früchte, die nicht mehr in den Magen passen und für die gefrorenen Reh- und Hasenkeulen, die man mal so geschenkt bekommt von Nachbarn. Jetzt wohnen wir aber schon seit drei Jahren in der Stadt und nun funktioniert der Kühkschrank auch nicht mehr. Irgendwas mit der Kühlung. Erst taute das Eisfach ab, dann wurde die Milch über nacht zum Quark, obwohl ihre Haltbartkeit erst 2016 ablaufen sollte. Dieser Kühlschrank muss also weg. Demnächst. "Demnächst" ist eine ungefähre Zeitangabe, bei uns begann sie 09/12. Der kleine Kühlschrank war, bzw. ist, eine Übergangslösung. Er stand bisher im Keller als letzter Gruß unserer Vormieter. Der kleine Kühlschrank brummt und seufzt (er zittert auch!), und er muss all das fassen, was wir in ihn hineinstopfen und später dann in uns. Der kleine Kühlschrank ist klein und allein. Wir dagegen sind zu viert. Vier hungrige Mäuler. Am Wochenende zum Beispiel pressen wir unsere Einkäufe in seine Fächer, und ich gebe ohne Bescheidenheit zu, dass wir schon ganz spitzfindig geworden sind, Lebensmittel und Behältnisse so umzuverteilen, dass AUCH JA ALLES IN DEN KLEINEN KÜHLSCHRANK PASST. Dann machen wir die Kühlschranktür zu und einer muss sich dagegen lehnen, bis am Sonntagmittag der Inhalt des Kühlschranks auf Normalzustand zusammengeschrumpft ist und die Tür wieder alleine schließt. Gut, dass wir den Kauf eines neuen Kühlschranks so lange hinausgezögert haben, denn mein Mann sagt, es gibt jetzt INTELLIGENTE Kühlschränke. Ein intelligenter Kühlschrank weiß, wann ich geboren bin, wieviel Punkte ich in Flensburg habe und dass ich sowieso besser mit dem Rad fahre. Er weiß, wie viele Geschwister ich habe und wo die alle wohnen, wann ich wieder zum Friseur muss und dass ich jetzt eine neue Sozialersicherungsnummer habe, weil ich vorher zwei hatte, als ob ich was dafür könnte, dass die Rentenversicherung nicht damit klar kommt, wenn einer dauernd umzieht und verschiedene Berufe macht. Ein intelligenter Kühlschrank weiß, dass ich jeden Morgen kuhmilchfreie Milch zum Müsli brauche und deckt, bevor ich komme, schon mal den Tisch. Ein intelligenter Kühlschrank reagiert sensibel auf meine Stimmungsschwankungen und tröstet mich, wenn mich sonst keiner tröstet. Ich frag mich aber, ob ein intelligenter Kühlschrank weiß, dass Roquefort und Brie de Meaux Schimmelkäse sind und keine schimmligen Käse.

    At the moment we have two refrigerators. The larger of the  two is standing next to the kitchen door. It's so big because in the country you need a mega freezer compartment for all the fruit you picked that doesn't fit into your stomach and for the frozen venison and rabbit haunches that you get now and then from the neighbors. But now we have been living in the city for three years and that refrigerator doesn't work anymore anyway. Something with the cooling system. First the freezer compartment defrosted and the the milk turned to curd cheese overnight although the expiration date is in 2016. So this refrigerator has to go. Soon. "Soon" is just an approximate date which we set in September 2012. The small refrigerator was, or rather, is, just a temporary solution. Up til then it was standing in the basement as a last good bye from the tenants who lived here before us. The small refrigerator hums and sighs (it shakes, too!), and it has to hold everything that we stuff into it and then later into ourselves. The small refrigerator is small and alone. But there are four of us. Four hungry mouths. For example, on the weekend we press all our purchases into its various compartments, and I must admit without modesty that we're pretty hairsplitting when it comes to moving the food and containers around so that EVERYTHING FITS INTO THE SMALL FRIDGE. Then we close the refrigerator door and one of us has to lean against it until the contents of the refrigerator shrinks back to normal by Sunday afternoon and the door closes again by itself. It's good that we have put off buying a new refrigerator for so long because my husband says that now you can get INTELLIGENT refrigerators. An intelligent refrigerator knows when I was born, how many penalty points I have in Flensburg, and that I'm better at bike-riding anyway. It knows how many brothers and sisters I have and where they all live, wenn I have to go to the hair dresser's next and that I now have a new social security number, because I used to have two, although it wasn't my fault that the social pension insurance couldn't handle somebody who moves constantly and has different jobs. An intelligent refrigerator knows that I need non-cow's-milk milk for my cereal every morning and it sets the table before I come. An intelligent refrigerator reacts sensitively to my changing moods and comforts me when nobody else does. But I wonder if an intelligent refrigerator knows that Roquefort and Brie de Meaux are mold cheeses and not cheeses turned moldy.

  • Tageskarte Nr.827 vom 01 Aug 2013

    Tageskarte Nr.827

    SOMMERFERIEN München ist ja eigentlich nicht Bayern und die Münchner sind keine Bayern. Also die Münchner, die keine sind mein ich. Diese Münchner, die keine Münchner sind, bleiben in den Sommerferien natürlich nicht in München, das kein Bayern ist. Wenn man, statt nach Süden, von München aus weiter links fährt bis es nicht mehr weitergeht, dann kommt man in den Bayerischen Wald. Dort fährt dann auch die Deutsche Bahn nicht mehr, sondern die Itzelbahn und auch die fährt nur am Wochenende. Man muss also aus der Deutschen Bahn raus und in die Itzelbahn rein. Hier gilt leider auch das Bayernticket nicht mehr, wie eine Kontaktperson am Telefon in tiefstem Bayerisch in meine norddeutsch gespitzten Ohren schnarrt - Fahrkarten gibts nur im Zug, Kinder unter 6 Jahren frei. Pfiat Gott! Die Münchner, die keine Bayern sind und auch keine Münchner, haben natürlich kein Elternhaus am Starnberger- oder Ammersee, also fahren sie im Sommer auf Inseln: die spanischen Inseln, die italienischen Inseln, die griechischen Inseln, die Halbinseln, asiatische Inseln, also all das im Meer halt. Sie fahren RICHTIG in den Süden, wo es genauso heiß ist wie hier, nur stehen da unten Palmen, vor denen man sich fotografieren lassen kann oder auch beim Cocktailschlürfen, während dahinter die Sonne rot ins Meer fällt: WIR WAREN HIER! Das Ganze landet dann mit Kommentar auf Facebook. (Ich werde nicht den Bayerischen Wald online stellen. Nicht, weil ich mich schäme für einen Ferienort ohne Ausweg am Ende der Welt, sondern was sollte ich schon posten: die Tannen etwa? Den Hund, der bellt? Die milchschleckende Katze oder die fliegenden Fliegen?) Während das Thermometer in München/Bayern 40 Grad Celsius zeigt, erwärmt sich die Luft im Bayerischen Wald gerade mal auf 25 Grad bei wechselnder Bewölkung und garantiert gelegentlichem Nieselregen. Man kann sich also durchaus auf einen Jetlag vorbereiten, wenn man die Reise von ca 2,75 Stunden auf sich nimmt. Ich pack dann also mal die Wintersachen ein, den Bettschutz gegen fliegenden Fliegen von globetrotter.de und sag schon mal Gute Nacht.

    "Remain calm! I'm on vacation.” Summer vacation Munich isn't really Bavaria and the Munich-ers aren't Bavarians. those who aren't, I mean. These Munich-ers who aren't Munich-ers don't stay in Munich, which isn't Bavaria, during the summer holidays. If you keep driving to the left from Munich instead of going south, until you can't go any farther, you come to the Bavarian Forest. The German Railway doesn't go out that far; only the Itzelbahn does and it only runs on the weekends. So you have to get off the German Railway train and take the Itzelbahn. The Bavarian ticket isn't valid here anymore, as I am told by a contact person who snores into my sharply pointed Northern German ears on the telephone. You can only get tickets on the train, children under 6 are free. Pfiat Gott! The Munich-ers who are neither Bavarians nor Munich-ers don't have their family homes on Starnberger or Ammer Lake, of course, so they go to the islands in the summer: the Spanish islands, the Italian islands, the Greek islands, the peninsulas, the Asian islands, just everything in the ocean. They go STRAIGHT to the South, where it's just as hot as it is here, except there they have palm trees, where you have your picture taken or where you sip on cocktails while the red sun drops into the ocean: WE WERE HERE! which is all posted on Facebook with comments (I won't put the Bavarian Forest online. Not because a holiday resort in a dead end at the end of the world embarrasses me, but what should I post: The pine trees? The barking dog? The cat drinking milk or the flying flies?) When the thermometer in Munich/Bavaria rises to 40 degrees celcius, the air only reaches 25 degrees in the Bavarian Forest with variable cloudiness and the guaranteed occassional light rain. So you can certainly prepare yourself for a jetlag when you make the trip of about 2,75 hours upon yourself. So I'll go now and pack my winter things and the mosquito net from globetrotter.de to protect the bed from the flying flies and say good night.

  • Tageskarte Nr.826 vom 29 Jul 2013

    Tageskarte Nr.826

    Nee, ich lese nicht. Ich blätter nur die Seiten um. Und dann vergess ich wieder. Ein Höchstmaß an Verwirrung ist für mich, wenn Verlage die Buchcover ändern, aber der Inhalt bleibt gleich. Denn manchmal geh ich in eine Buchhandlung, kauf ein Buch, geh nach Hause und dann steht das schon in meinem Regal, also das Buch. Hat nur ein anderes Cover. Damit ich nicht vergesse, schreibe ich Tagebuch. Wenn ich was vergessen habe, kann ich dort nachlesen. Aber ich lese nicht, ich blätter nur die Seiten um.

    I WAS BLOND Nope, I don't read. I just turn the pages. And then I forget again. I find it extremely confusing when publishers change the book covers but the contents remain the same. Because sometimes I go into a bookstore, buy a book, go home and there it is already on the shelf, the book, I mean. Just has a different cover. So that I don't forget, I keep a diary. Whenever I've forgotten something I can look it up in my diary. But I don't read, I just turn the pages.

  • Tageskarte Nr.825 vom 25 Jul 2013

    Tageskarte Nr.825

    allerlei Gefühle: Wechselbäder

    WHAT THE HELL...?                         HEY GUYS, WHAT'S GOIN' ON? all kinds of feelings: alternating hot and cold baths

  • Tageskarte Nr.824 vom 22 Jul 2013

    Tageskarte Nr.824

    Ich interessiere mich nicht so für das, was im Weltraum geschieht. Ich denke nicht an Wesen mit zwei Köpfen, krummmen Nasen und einem Ohr an der Stirn. Ich frage mich nicht, was die sich fragen würden, wenn ich die frage, was sie sich fragen. Ich stelle mir nicht vor, was an der Stelle sein könnte, wo bei uns das Herz sitzt: DAS HERZ! Nein, ich glaube absolut nicht an Paralleluniversen. Ich bin einfach schon mal froh, dass hier alles ganz normal ist, dass ich hier unauffällig durch meinen Alltag gehen kann und mich auskenne. Miep: Ich. Bin. Angekommen.

    I'm not interested in what goes on in outer space. I don't think about beings with two heads, crooked noses and one ear of their forehead. I never ask myself what they would ask themselves if I asked them what they ask themselves. I don't try to imagine what they might have in the place where our heart is: THE HEART! No, I absolutely do not believe in parallel universes. I'm just happy that eveything here is all normal, that I can get through my daily routines inconspicuously and that I know my way around. Meep: I. Have. Found. My. Place.

  • Tageskarte Nr.823 vom 17 Jul 2013

    Tageskarte Nr.823

    Eigentlich hatten wir nur eine Luftmatratze bestellt. Die Abbildung auf der Verpackung zeigte dann aber die Luftmatratze und einen leicht bekleideten jungen Mann. Als wir den Karton öffneten, fanden wir zwar die Matratze, aber nicht den jungen Mann.

    "Maybe that down there?” Actually, we had only ordered an air mattress. But then the picture on the packaging material showed the air mattress and a lightly dressed young man. When we opened the box, we did find the mattress but not the young man.

  • Tageskarte Nr.822 vom 15 Jul 2013

    Tageskarte Nr.822

    Ich ging an einer hohen Hecke entlang. Auf der anderen Seite der Hecke lief ein Hund. Dem Pfotengeräusch nach zu urteilen, musste es sich um einen sehr großen Hund gehandelt haben. Das Hecheln und Schnaufen möchte ich erst gar nicht beschreiben. Warum halten Menschen hinter hohen Hecken große Hunde? Sind sie misstrauisch Leuten gegenüber, die an ihren Hecken entlang gehen, solchen wie mir? Was aber ist an Frauen in roten Kleidern bedrohlich? Ich gebe  zu, dass wir (also ich, der Hund und die Hecke mit den unsichtbaren Leuten dahinter) uns in einer reichen Gegend befanden, fernab von der bayerischen Metropole. Aber außer meinem eigenen Körper und dem des Hundes ortete ich weit und breit weder Mensch noch Tier. Also konnte sich die Schutzvorrichtung, bestehend aus Hecke und Hund, nicht explizit gegen Lebewesen auf zwei Beinen richten. Davon abgesehen, dass panzerähnliche Privatfahrzeuge sich gelegentlich träge mit dumpfem Grollen die leere Straße hinunter wälzten, bestand meiner Ansicht nach tagsüber keine Bedrohung für die Menschen in den Häuser mit den Hunden hinter den hohen Hecken. Überhaupt die Hecken und die Hunde: konnte auch sein, dass ich getäuscht wurde, und die Menschen schützten nicht SICH vor MIR, sondern MICH vor IHNEN. Damit ich nicht die nackten Zwerge sah, die hinter den Hecken tanzten und sich gegenseitig mit Erdnüssen bewarfen.

    I was walking along a high hedge. A dog was walking on the other side of the hedge. From the sound of its paws, it must have been a really big dog. I couldn't even begin to describe the panting and puffing. Why do people keep big dogs behind high hedges? Are they suspicious of people who walk along their hedges, people like me? But what is so threatening about women in red dresses? I admit that we (I mean me, the dog and the hedge with the invisable people behind it) were in a rich neighborhood, far away from the Bavarian metropolis. But besides my own body and that of the dog, I couldn't locate any other person or dog far and wide. So the safety device, consisting of hedge and dog, couldn't be meant explicitly only for beings on two legs. Besides the fact that tank-like cars occasssionaly walzed lazily down the empty street with their muffled rumbling, there was, in my opinion, no danger for the people in the houses with the dogs behind the high hedges. And anyway, the hedges and the dogs: it could be that I was mistaken, and the people weren't protecting THEMSELVES from ME, but ME from THEM. So that I couldn't see the naked dwarves dancing behind the hedges and throwing peanuts at each other.

  • Tageskarte Nr.821 vom 11 Jul 2013

    Tageskarte Nr.821

    Ich hab keine Probleme. Mit Geldausgeben hab ich keine Probleme.

    I have no problems. I have no problem spending money.

  • Tageskarte Nr.820 vom 05 Jul 2013

    Tageskarte Nr.820

    Einer in unserer Familie trägt jetzt eine feste Zahnspange mit lauter Brackets. Ich muss dann immer an Briketts denken und an meine erste eigene Wohnung in Ost-Berlin Anfang der 90er: renne mit leeren Eimern in den Keller, schleppe volle Eimer wieder rauf und bete, dass der Winter diesmal nicht so lang wird und ich hinkomme mit soundso viel Tonnen Briketts, woher soll ich wissen, wieviel Briketts man braucht für einen ganzen Winter. Und wo fängt der Winter an wo hört er auf, ich meine, wann friert einer? Da ist ja jeder anders, also ich z.B. trage ab September eine Wollmütze und setz die ende Mai erst wieder ab und auch dann nur mal so ganz vorsichtig. Außerdem trage ich SOFORT Rollkragenpullis und dann IMMER Rollkragenpullis, genau ab Wollmützenbeginn bis Wollmützenende. Am schlimmsten war der Tag der Brikettlieferung, der stand immer rot in meinem Kalender und rot in meinem Kopf und ist da immer noch rot eingetragen. Schon Wochen vorher hatte ich Schweißausbrüche deswegen, denn ehrlich gesagt (für andere ist das sicher eine Kleinigkeit) wusste ich nicht und weiß bis heute nicht, warum Brikettfahrer so sind wie sie sind und wie man mit ihnen reden soll. Jeder Brikettfahrer in jedem neuen Winter, und es waren IMMER andere Fahrer, denn ich hatte die Telefonnummern der Brikettfirmen den Sommer über vergessen, also jeder Brikettfahrer schien irgendwie wütend auf etwas zu sein. Ich wusste nicht, warum das so war und mir blieb immer jedes Wort in der Kehle stecken, obwohl ich dem Brikettfahrer doch nur sagen musste, dass er hier richtig war bei dieser Hausnummer und dass das mein Name war, der die Bestellung aufgegeben hatte. Aber diese grimmmigen Gesichter (oh nee Alptraum), waren die vielleicht am Ende wütend auf mich, dass ich diejenige war, die sie dazu zwang, diesen Job machen zu müssen und jetzt morgens um 9:00 Uhr (was ja nicht unbedingt früh war) hier bei mir auf der Fußmatte stehen und fragen zu müssen, ob sie hier richtig waren? Dabei weiß ich nicht, was ich verbrochen haben sollte, und so schwierig sah der Job auch gar nicht aus: die schütteten ihre Säcke einfach in ein Loch, wo unten dann wohl mein Keller war und das ging alles ganz schnell. Wohingegen ich den ganzen Winter runter musste und vor einem Briketthaufen stand, die Briketts anfassen musste, scheppernd in einen Eimer werfen und das Zeug dann hinaufschleppen in meine Wohnung.

    One person in our family is wearing a brace now with lots of brackets. That always reminds me of coal briquettes and my first own apartment in East Berlin at the beginning of the 90's. I would run down into the cellar with empty buckets, drag full buckets back up and pray that winter would'nt be too long this time and that my so-and-so many tons of coal briquettes would be enough, how should I know how many briquettes you need for a whole winter. And where does winter begin and where does it end, I mean, wenn are you cold? Everybody's different there, for example, I wear a woolen cap starting in September and I don't take it off until  the end of May and even then just very carefully. I also start wearing polo neck sweaters RIGHT AWAY and then ALWAYS, right from the beginning of the woolen cap season until the end of the woolen cap season. The worst thing back then was the day the coal briquettes were delivered, I always had it marked red in my calendar of it, because honestly, (for others it's surely just a small thing) I never knew and I don't know til today, why coal deliverymen are the way they are and how to talk to them. Every coal deliveryman in every new winter - and it was ALWAYS a different deliveryman, because I had forgotten the telephone number of the coal company over the summer - every coal briquette deliveryman seemed to be very angry about something. I never knew why that was, and my words just stuck in my throat, although all I had to tell the coal briquette deliveryman was that he had the right address, that that was my name, and yes , that I had put in the order. But their furious faces (god, what a nightmare), were they maybe mad at me in the end because it was me who was forcing them to do their job and to be there at my doorstep at 9am (which wasn't really all that early) and ask me if they were at the right address? And I don't really even know that I had done anything wrong, and the job didn't look all that difficult: all they did was empty their sacks through a hole, where my cellar was down below and it all went so fast. Whereby it was ME who had to go down to the cellar the whole winter long, stand in front of that mountain of coal briquettes, put my hands on them, banging them into a coal bucket and then drag the stuff back up the stairs to my apartment.

  • Tageskarte Nr.819 vom 03 Jul 2013

    Tageskarte Nr.819

    Sonnenbad oder sowas

    A sun bath or something like that.

  • Tageskarte Nr.818 vom 01 Jul 2013

    Tageskarte Nr.818

    Ich steh auf. Jeden Morgen steh ich auf. Ich bin auch mal nicht jeden Morgen aufgestanden. Weil ich nicht aushalten konnte, dass die Welt unter meinen Füßen sich dreht. Denn obwohl ich versuchte zu gehen, kam ich nie in der Gegenwart an. Das ist jetzt aber nicht mehr so. Heute steh ich auf. Zieh mich an und bereite den Tag für andere. Ich schreibe Listen, damit ich ja nichts vergesse. Denn ich lebe ja und das muss organisiert werden: Ich esse. Ich gehe einkaufen. Ich rufe meine E-mails ab. Ich antworte. Und ich warte auf Antworten. Musik höre ich mit Kopfhörern. Manchmal zu laut. Ich weiß, das ist nicht gut für die Ohren, aber. Ich schreibe. Denke. Lese bis ich ein anderer bin und vergesse alles wieder. Ich habe sogar einen Job da draußen fünfmal die Woche von 12 - 18:00, aber jeden Abend frage ich mich, ob das mit rechten Dingen zugeht oder ob ich bald als Hochstaplerin ertappt werde. Ich bin also auf dem Posten, heißt: ich lebe. Aber an manchen Tagen ist in mir ein Loch. Das Loch ist nicht so eins, bei dem man den Anfang sieht und das Ende, und es befindet sich natürlich nicht in meinem Fuss, schon klar oder. Sondern weiter oben. Hier etwa. Lochtage sind ja sowas von, aber tja. An Lochtagen weiß ich zwar, dass ich einen bestimmten Namen trage, so und so alt bin und irgendwo auf diesem Planeten lebe, mit einer bestimmten Aufgabe. Aber ich könnte auch Petra heißen oder Gerd, könnte Frau sein oder Mann und mein Alter läge zwischen 0 und unendlich. An Lochtagen flattert mir der Himmel ins Gesicht und ich muss immer so mit der Hand wedeln, damit ich richtig sehen kann. Das mit dem Wedeln mache ich natürlich möglichst unauffällig, damit die Leute nicht denken, die spinnt wohl. Aber eigentlich haben alle anderen dieses Loch auch ich weiß das. Das Loch ist in uns, war immer schon da, es wird größer, es wächst über uns hinaus. Irgendwann sind wir vielleicht zum letzten Mal witzig gewesen, halten jemands Hand oder sehen etwas, wofür man die Augen nicht braucht und danach. Müssen wir durch das Loch ohne Anfang. Verschwinden. Einfach weg dann, wer kapiert das schon. Aber an manchen Tagen ist in mir ein Loch. Und während ich unermüdlich wedele, weiß ich, in mir ist es. Und in dir ist es auch und in dir und dir und dir. Jederzeit.

    I get up. I get up every morning. There have been times when I didn't get up every morning. Because I couldn't stand it when the world turned under my feet. Because when I tried to walk I never arrived in the present. But it's not like that anymore. These days I get up. I get dressed and get things ready for everybody else. I write lists, so that I don't forget anything. Because I'm alive and that has to be organized: I eat. I go shopping. I check my mails. I answer them. And I wait for answers. I listen to music with my headphones. Sometimes too loudly. I know it's not good for your ears, but I do it anyway. I write. Think. Read until I'm a different person and then I forget everything again. I even have a job out there five days a week from 12 to 6, but every evening I ask myself, if something here isn't right or if I'm going to be caught as a con woman. So I'm awake, that is: I'm alive. But some days there's a hole inside me. It's not one of those holes where you can see the beginning and the end, and it's obviously not down there in my foot, of course, but farther up. About here. Hole days are just so hole, but , well. On hole days I know that I have a certain name, that I'm so and so old and that I live somewhere here on this planet, with a certain goal. But my name could just as well be Petra or Gerd, I could be a man or a woman and my age could lie between 0 and eternity. On hole days the sky flutters into my face and I have to keep waving my hand so that I can see right. Of course I wave my hand as inconspicously as possible so people won't think I've gone crazy. But actually everybody has this hole, I know it.The hole is inside of us, it was always there, it gets bigger and then it outgrows us. At some point we are still funny for the last time, we hold somebody's hand or we see something that we don't need our eyes for and then. We have to go through the hole without the beginning. Disappear. Just simply gone, who can get that. But some days there's a hole inside of me. And while I wave untiringly I know it's inside me. And it's inside you, too, and you and you and you. All the time.

  • Tageskarte Nr.817 vom 28 Jun 2013

    Tageskarte Nr.817

    Heute such ich was. Irgendwas. Egal was. (Ist es möglich, etwas zu finden? Ja, es ist möglich)

    I'm gonna look for something today. Anything. Doesn't matter what. (Is it possible to find something? Yes, it is).

  • Tageskarte Nr.816 vom 26 Jun 2013

    Tageskarte Nr.816

    Ich wollte eine Rückwärtsrolle demonstrieren, aber mir fehlte der Schwung. Also blieb ich auf dem Rücken liegen wie ein Käfer. Und wie ich nun so da liege, stelle ich mir das Schrecklichste vor: Gregor Samsa.

    I wanted to demonstrate how a backward roll goes but I didn't get enough momentum. So I just stayed lying on my back like a beetle. And as I lie here now I imagine the most terrible thing possible: Gregor Samsa

  • Tageskarte Nr.815 vom 24 Jun 2013

    Tageskarte Nr.815

    Wenn man in der Oper einen Stehplatz hat, 4.Rang, Platz 212 (STEHEN wohlgemerkt), dann muss man einen langen Hals machen oder man hat schon einen, um überhaupt etwas von dort aus sehen zu können. Zu Riechen bekommt man hier oben allerdings genug. Denn zu Beginn der Vorstellung sammeln sich unter der Saaldecke nicht nur das Gemurmel vieler Stimmen, das Rascheln sämtlicher Programmhefte, das Klicken unzähliger Brillenetuis und das immer letzte Husten aus aufgeregten Hälsen, sondern auch die Summe hunderter Frauenparfüms und Männerdüfte. Und wenn nach dem letzten dingdongdingdongdingdong alles zappenduster geworden ist und ich mein Mantra bete, dass mir Dunkelheit nichts ausmacht, nichts ausmacht, nichts ausmacht, isst vielleicht jemand irgendwo neben mir noch heimlich sein Wurstbrot.

    When you have standing room in the opera, row 4, nr. 212 (STANDING, mind you), you either have to crane your neck or you already have a long neck, in order to see anything at all. But there's plenty to smell from up here. Because at the beginning of the performance not only the murmuring of many voices, the rustling of all the programs, the clicking of untold glasses cases and always the final coughs out of excited throats collect up under the ceiling, but also the sum of hundreds of women's parfumes and men's after shaves. And when everything gets pitchdark after the final dingdongdingdongdingdong and I'm praying my mantra that I'm not afraid of the dark, not afraid, not afraid, the person beside me maybe starts secretly eating his sausage sandwich.

  • Tageskarte Nr.814 vom 21 Jun 2013

    Tageskarte Nr.814

    Wir machen eine Reise (Teil 3) Wenn wir auf Reisen sind, dann hab ich immer Angst, dass einer verloren geht. Also, dass ICH verloren gehe. Und so muss ich mich immer wieder durchzählen, um sicher zu sein, dass wir noch komplett sind.

    We go on a trip (part 3) When we travel, I'm always afraid that one of us will get lost. Or rather, that I get lost. So I always have to count myself up to be sure that we are complete.

  • Tageskarte Nr.813 vom 19 Jun 2013

    Tageskarte Nr.813

    Wir machen eine Reise (Teil 2) Neulich waren wir in Paris. Mein Mann spricht recht gut Französisch, also ziemlich fließend. Mein Mann hat verstanden, wie das funktioniert mit der Metro bzw. konnte er sich mit den Ticketverkäufern verständigen, während wir daneben standen wie Touristen eben so stehen. Damit wir im Restaurant auch bekamen, was wir wollten, sagten wir meinem Mann, er solle dies und das bestellen und das hat er dann auch gemacht. Soweit lief alles gut. Eigentlich habe ich auch Französisch gelernt, in der Schule und darüber hinaus. Außerdem bin ich unabhängig und emanzipiert und so weiter. Also bin ich auch mal alleine einkaufen gegangen. Vorher hatte ich mir im Kopf die französischen Redeformeln zurechtgelegt, die ich verwenden musste, um das zu bekommen, was ich brauchte. Wenn ich dann aber vor den Verkäuferinnen stand, die mich anschauten wie Verkäuferinnen schauen müssen, dann hab ich immer kein einziges Wort herausgebracht. Keinen. Einzigen. Ton. Meine französischen Sätze waren einfach unterwegs verlorengegangen. Stattdessen: Black out. Nichts. Die Verkäuferinnen schauten aber immer weiter. Auf mich und auf die Schlange hinter mir. Die Schlange hinter mir konnte ich natürlich nicht sehen, denn ich habe nur zwei Augen und die gucken immer nur nach vorne. Könnte ich nach hinten gucken, wäre ich ein Vogel, aber zum Glück bin ich kein Vogel, denn Vögel werden mitunter von Schlangen einfach aufgefressen (steht im Wiki). Schließlich brachen die Verkäuferinnen mein Schweigen mit ENGLISCH. Warum eigentlich mit ENGLISCH? Seh ich aus wie ENGLISCH? Ok, ich war an dem Tag vielleicht gerade etwas blass und draußen regnete es in Strömen, aber kann ich was dafür?

    We go on a trip (part 2) Recently we were in Paris. My husband speaks pretty good French, almost fluently. My husband understood how the Metro works, or rather, he could communicate with the ticket clerks, while we just stood there next to him, the way tourists stand. When we ordered what we wanted in the restaurant, we told my husband to order this and that, and he did. So far so good.Actually, I also learned French, in school and later on. And I am furthermore independent and emancipated and so on. So once I went shopping on my own. Beforehand I had already arranged all the set phrases in French in my head that I would need to use to get what I needed. But when I was standing in front of the salewomen, who looked at me the way salepeople have to look, I couldn't get one word out. Not. One. Sound. My French sentences had simply got lost on the way. Instead: Black out. Nothing. But the salewomen kept looking. At me and at the long line behind me. Of course, I couldn't see the long line behind me becausse I only have two eyes and they always look straight ahead. If I could look backwards, I would be a bird, but thank goodness I'm not a bird because sometimes birds get eaten by snakes ( that's what Wiki says). Finally the salewomen bring my silence to an end with ENGLISH. Why ENGLISCH? Do I look like ENGLISH? OK, maybe I was a little pale that day and outside it was raining cats and dogs, but is that my fault?

  • Tageskarte Nr.812 vom 17 Jun 2013

    Tageskarte Nr.812

    Wir machen eine Reise (Teil 1) Ich habe abends immer kalte Füße. Egal wo ich bin, ich habe kalte Füße. Für unsere Reise habe ich mir eine wirklich kleine Wärmflasche gekauft. Als ich meinem Mann stolz die wirklich kleine Wärmflasche zeige, da guckt er so komisch. Warum guckt er so komisch? Ich lasse doch das Wasser raus bevor wir losfahren, und von dem wirklich kleinen Wasserkocher hab ich ihm doch noch gar nichts erzählt.

    We're going on a trip (part 1) I always have cold feet in the evenings. No matter where I am, I have cold feet. Before our trip I bought a really small hot water bottle. When I proudly showed the really small hot water bottle to my husband, he gave me a funny look. Why is he giving me a funny look? I'll let the water out before we leave, and I didn't even tell him about the really small water boiler.